„Modernes Leben“ #2: Medienmöbel

Ausgemöbelt.

Die Digitale Revolution frisst ihre Kinder. Als wir 2014 unsere heutige Wohnzimmerwand angeschafft haben, mussten noch viele Bild- und Tonträger darin Platz finden: Audio-CDs, DVDs, Blu-Ray-Discs und Spiele für die Playstation. Allein die Filmsammlung kam auf 753 Scheiben. In die Hand genommen habe ich seither kaum eine, denn fast zeitgleich startete Amazon sein Streaming-Angebot Prime Video in Deutschland. Netflix folgte. Inzwischen haben wir mit Apple TV+ und Disney+ noch zwei weitere Dienste abonniert. Der Gang zum Regal, um einen Film auszuwählen, ist da kaum der Mühe wert. Denn online gibt es immer etwas Neues zu entdecken. Und wenn nicht, warten genug Klassiker in irgendeiner Mediathek auf Abruf. Das geht schneller, als eine Disk aus der Hülle zu kramen und in den Player einzulegen.

Diese Kolumne erschien zuerst
in WohnDesign, Ausgabe 1/2022

Trotzdem konnte ich mich von meiner privaten Filmbibliothek bislang nicht trennen. Zu groß waren die Bemühungen, ihr ein wohnzimmerkompatibles Outfit zu verpassen. Als Erstes mussten die bunten Hüllen und Steelbooks weg. Selbst farblich sor- tiert als Regenbogen – wie eine Bücheredition von Suhrkamp – hätten sie den Anblick der Regalwand ruiniert. Der Hersteller B&B Italia weiß schon, warum er unser System Flat.C von Antonio Citterio im Katalog nur mit weißer oder hellgrauer Deko abbildet.

Beim Umpacken in neutrale Hüllen kamen dann gleich platzsparende Slimcases zum Einsatz. Mit dem Effekt, dass von außen niemand mehr sieht, was drinsteckt. Ergo habe ich eine Archivsoftware am PC installiert, die für Überblick sorgt. Heißt in der Praxis: Computer einschalten, Programm starten, in der Software das Regalfach ablesen und am Schrank in einer alphabetisch sortierten, uniformen Reihe nach dem passenden Titel suchen. Unnötig zu erwähnen, dass diese Methode gegenüber Netflix & Co. den Kürzeren zieht. Zur letzten Stufe des Verschönerungsprojekts ist es deshalb gar nicht mehr gekommen. Sie sollte die billigen Plastikhüllen in hochwertigen, leinenbespannten Kästen unterbringen. Aber dann hätte man sie auch gleich ganz wegräumen und im Keller aufbewahren können. Für den seltenen Fall, dass das Internet mal ausfällt.

Meine Audio-CDs sind diesen Weg physikalischer Medien bereits gegangen. Die Musik kommt überwiegend von der Festplatte und als Streaming-Abo auf die Lautsprecher. Nur ein einzelnes CD-Regal hängt noch als Relikt an der Wand. Wie einer dieser Setzkästen aus den 70er-Jahren – als Staubfänger und Sammelstelle putziger Erinnerungsstücke, die ihren praktischen Wert längst verloren haben. Denn seien wir mal ehrlich: Der Abschied von Bild- und Tonträgern macht das Leben leichter und Platz für die wirklich schönen Dinge im Regal. Medien haben ausgemöbelt. Und das ist gut so.