„Modernes Leben“ #3: Hausautomatisierung

Automatismus.

Wenn Freunde zu Besuch kommen, demonstriere ich gelegentlich unser Smarthome – wie Multiroom-Musik die Räume beschallt und automatisiertes Licht darin für Stimmung sorgt. Dass Sensoren ans Lüften erinnern und die Heizung währenddessen von selbst herunterregelt, beeindruckt viele. Für Lautsprecherdurchsagen, das offene Fenster auch wieder zu schließen, dafür ernte ich aber bestenfalls Gelächter. Meist reicht es nur zu Kopfschütteln oder Achselzucken.

Wüssten die Gäste, wie viel Zeit die Einrichtung und Pflege dieses Geräteparks verschlingt, nicht wenige würden mich für verrückt erklären. Denn bei den Segnungen meines vernetzten Lifestyles handelt es sich eben um kein schlüsselfertiges Gebäudesystem vom Elektriker. Selbermachen lautet die Devise, immerhin bietet das komplette Herstelleralphabet von AEG bis V-Zug inzwischen vernetzbare Geräte an. Allerdings – und das ist die Krux mit Do-it-yourself–Produkten – passt wenig davon zusammen. Und klappt die Verständigung, kann schon ein neues Betriebssystem am Smartphone sie wieder zum Erliegen bringen.

Diese Kolumne erschien zuerst
in WohnDesign, Ausgabe 2/2022

Statt abendliche Gemütlichkeit auf Knopfdruck steht dann Fehlersuche im Dunkeln an, begleitet vom Neustart mehrerer Geräte. Hat das Netzwerk sich aufgehängt? Die WLAN-Lampe ihren Funkkontakt verloren? Aus dem Technorama wird ein Technodrama, in dem die ganze Familie mitspielt. Vielleicht liegt hier der Grund, warum so wenige Menschen ein echtes Verlangen nach smarter Haustechnik verspüren. Sie empfinden ihr Leben als kompliziert genug – auch ohne sich Gedanken über Software-Updates, die Kompatibilität und Datensicherheit von Lichtschaltern zu machen.

Ein Smarthome sollte funktionieren wie ein Auto: sofort anspringen, zuverlässig seinen Dienst verrichten und kein Ingenieursstudium für die Bedienung verlangen. Allerdings war es bis zu diesem Reifegrad automobiler Technik ein weiter Weg. Für die ersten Fahrprüfungen anno 1893 in Frankreich mussten Bewerber ihren Wagen noch selbst reparieren können. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts waren Nylonstrümpfe ein probates Hilfsmittel im VW Käfer – um notfalls einen gerissenen Keilriemen damit zu ersetzen. So gesehen ähneln heutige Smarthome-Enthusiasten den Schraubern von damals, die ihre Freizeit gerne unter der Motorhaube verbrachten. Oder sie können es sich leisten und nehmen als Passagiere bequem im Interieur Platz, während ein ausgebildeter Mechatroniker den Rest erledigt.

Was in diesem bildhaften Vergleich fehlt: Nicht nur das Auto hat sich weiterentwickelt. Auch wir haben uns mit verändert und den Alltag schleichend an den Verkehr angepasst, um nicht zu sagen: ihm untergeordnet. Entlegene Einkaufszentren auf der grünen Wiese, zugeparkte Innenstädte, Staus und zeitraubende Pendelei sind der Preis für eine Vision von automobiler Freiheit, die es vielerorts kaum noch gibt. Negative Begleiterscheinungen für die Umwelt wurden in Kauf genommen – aus Sorge um die eigene Bequemlichkeit und den Automobilstandort Deutschland.
Dafür kommt die Verkehrswende nun umso heftiger. Eigentlich ist es eine Mobilitätswende, denn um die drängendsten Probleme in den Griff zu bekommen, wird sich künftig mehr zu Hause abspielen.

(müssen) – im Homeoffice, beim Online-Shopping, E-Learning und in virtuellen Sportclubs wie Apple Fitness+ oder Peloton. Gebäudetechnik spielt da eine wichtige Rolle. Die angepeilte CO₂-Reduktion ist nur mit intelligentem Energiemanagement zu erreichen, das Erzeuger und Verbraucher, Angebot und Nachfrage aufeinander abstimmt. Fotovoltaik, Wärmepumpe, E-Auto und Batteriespeicher im Keller arbeiten dazu Hand in Hand. Es geht im Smarthome also um mehr als schöne Musik, buntes Licht und angenehme Raumtemperaturen. Anders als in der Evolution des Automobils haben wir diesmal aber kein Jahrhundert lang Zeit.