„Modernes Leben“ #5: Überflüssige Produkte

Von Männern für Männer.

Warum sehen viele Geräte so aus, wie sie aussehen? Meine These: Weil sie von Männern entwickelt werden. Dass technisches Talent dem männlichen Geschlecht zugeschrieben wird, hat viele Gründe. Sie reichen von der Industriellen Revolution, die „Mann und Maschine“ als Dream-Team zusammenschweißte, über maskulin dominierte Ingenieursberufe bis hin zu Rollenbildern, die bis heute nachwirken: Jungs spielen mit Autos, Mädchen mit Puppen, die einen wollen Ritter sein, die anderen Prinzessin. Und während männliche Kreativität sich ölverschmiert unter der Motorhaube eines Sportwagens austobt, findet holde Weiblichkeit ihre Bestimmung im Dekorieren der Wohnung.

Alles Klischee und stimmt nicht? Dann erkläre mir jemand, warum heute neun von zehn in der Software-Entwicklung tätigen Menschen Männer sind – und nur fünf Prozent Frauen. Der Rest fühlt sich keiner der beiden Seiten zugehörig oder wollte in einer Umfrage der Online-Plattform Statista sein Geschlecht nicht nennen. Frauen treten dort in Erscheinung, wo es um Bedienoberflächen und Benutzerführung geht, das sogenannte UX-Design. Und namentlich bekannte oder gar berühmte Industriedesignerinnen finden sich besonders oft in den „schönen Künsten“ – Möbel, Keramik, Textilien.

Ihre männlichen Kollegen dagegen erfinden und entwerfen alles, was bei drei nicht auf den Bäumen ist. Dabei kommen so kuriose Produkte heraus wie Kühlschränke mit Kamera im Innenraum. Auf der IFA 2017 waren sie der Messetrend schlechthin. Mehrere große Hausgerätehersteller zeigten wenigstens einen Prototypen in Berlin. Hätten sie mal lieber eine Frau gefragt, wie viel Sinn diese Linse im Chaos unaufgeräumter Kühlschränke ergibt. Die hätte ihnen sagen können, dass so ein Produkt wahrscheinlich floppt. Weil es niemand braucht – außer technikbegeisterten Männern vielleicht.

Mein Geschlecht hat eine Tendenz dazu, Lösungen um ihrer selbst willen zu ersinnen. Wer sonst käme auf die Idee, den manuellen Wasserhahn durch elektronische Ventile und eine digitale Steuerung zu ersetzen, um kostspielig das Smarthome-Zeitalter im Bad einzuläuten? Wo das Gros der Haushalte heute noch nicht einmal den Bedarf an smarten Lichtschaltern sieht. Oder eine Lichtsteckdose zu erfinden, die nur mit Leuchten zweier Hersteller funktioniert? Selbst ohne weibliche Intuition lässt sich erahnen, dass Bauleute ihre Installation lieber herstellerneutral halten. Weil die Technik 20, 30 oder mehr Jahre im Haus bleibt und niemand weiß, welche Lampen er künftig daran anschließen möchte. Keine Innovation ohne Fehlschläge, das ist klar. Aber könnte es sein, dass unser Frauendefizit in der Technik viele Chancen ungenutzt lässt? Von zehn internationalen Patentanmeldungen aus Deutschland im Jahr 2019 ging lediglich eine auf das Konto von Erfinderinnen. In China liegt der Frauenanteil dreimal so hoch. Noch so eine Studie von Statista, die mich ins Grübeln bringt.

Woher sollen die Einreichungen auch kommen? Laut Institut der deutschen Wirtschaft sind nur 15,5 Prozent der Beschäftigten in MINT-Berufen hierzulande weiblich (MINT= Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Die Ursachen dafür liegen früh im Kindesalter begründet, wenn man einer Studie aus den USA glauben mag. Forschende der Universitäten Houston und Washington haben herausgefunden, dass bereits Sechsjährige von einem Geschlechtsmodell ausgehen, in dem Mädchen sich weniger für Computer- und Naturwissenschaften interessieren als Jungs. Der Gender Data Gap tut ein Übriges. Seit 2006 macht die UNO darauf aufmerksam, dass in den statistischen Erhebungen unserer Welt eine Datenlücke klafft. Die meisten wissenschaftlichen Daten werden über Männer gesammelt und einfach auf Frauen übertragen. Etwa gab es bis vor Kurzem keine weiblichen Crashtest-Dummies. Mit dem Ergebnis, dass die Verletzungsrisiken für Frauen im Auto um 50 Prozent höher liegen als beim Mann.

Ein etwas feministischerer Blick kann also nicht schaden. Dann beschert uns die nächste Produktgeneration Kaffeemaschine vielleicht keinen App-gesteuerten Automaten mehr, mit dem sich Cappuccino von unterwegs aus in eine zuvor bereitgestellte Tasse dirigieren lässt, sondern so etwas Pragmatisches wie den Kaffeefilter. Diese Erfindung einer Frau, Melitta Benz, im Jahr 1908 wird wohl auch die nächsten hundert Jahre überdauern. Ganz ohne Software-Updates.