Kolumne #10: Digital Detox

Einfach mal abschalten.

Jedes Jahr zur Fastenzeit wird verzichtet. Auch Menschen, die sich nicht als religiös bezeichnen, entsagen für einige Wochen ihren Lastern: Alkohol, Süßigkeiten, Fleischgenuss. Das Rauchen und das Fernsehen gehören ebenfalls zu Favoriten in einer Umfrage, die das Forsa-Institut alljährlich im Auftrag der Krankenkasse DAK durchführt. Nur ein Punkt auf der Liste verzeichnet seit Jahren rückläufige Zustimmungswerte: Auf private Internet- und Computernutzung, die auch das Smartphone einschließt, möchten 2023 gerade einmal 19 Prozent verzichten. Ein historischer Tiefstwert – 2014 bejahten diese Frage noch 31 Prozent.

Diese Kolumne erschien zuerst
in WohnDesign, Ausgabe 4/2023

Warum fällt es uns so schwer, von digitaler Bespaßung abzulassen? Neurowissenschaftler würden sagen: Weil sie direkt an das Belohnungszentrum in unserem Gehirn appelliert. Jeder Like in sozialen Medien, jeder Post, der unsere Meinung bestätigt, und jedes lustige TikTok-Video ist ein kleiner Dopamin-Booster, der zur Ausschüttung von Glückshormonen führt; ähnlich wie beim Sport oder Alkohol- und Nikotingenuss. Sie treffen auf eine Gesellschaft, in der Geschwindigkeit alles ist. Überall heißt es schnell zu sein: im Beruf, auf der Jagd nach Sonderangeboten und beim Erfassen all der neuen wunderbaren Möglichkeiten, die moderne Technologie uns bietet. Dem Langsamen droht der Wettbewerbsnachteil. Ja, schlimmer noch, er lebt in permanenter Angst etwas zu verpassen. Sogar einen Namen für dieses unbestimmte Gefühl, das uns beim Scrollen und Surfen überfällt, gibt es längst: „FOMO“, als Abkürzung für „Fear Of Missing Out“.

Die Internetkonzerne und Anbieter digitaler Geschäftsmodelle arbeiten ganz gezielt damit. Sie profitieren von all jenen, die möglichst lange online sind und immer wiederkommen, weil sie dabei Werbung sehen und Daten hinterlassen. Ihre Werkzeuge sind Push-Mitteilungen und endlos scrollende Seiten. Mit einem Zustrom an Inhalten schüren Instagram, TikTok & Co die Erwartung, jeden Augenblick könnte am unteren Bildschirmrand ein noch besseres Bild oder Video erscheinen. Wer trotzdem eine Pause einlegt, wird bei seiner Rückkehr von rot mahnenden Zahlen am App-Icon daran erinnert, wie viel es aufzuholen gilt. Kein Wunder, dass die Deutschen zuletzt 65 Stunden pro Woche online waren (Postbank Digitalstudie 2022). Die unter 40-Jährigen, als „Digital Natives“ bekannt, brachten es gar auf 86 Wochenstunden. Das sind rund 12 Stunden pro Tag. Ein Vollzeitjob. Mit durchschnittlich fast 11 Stunden liege ich da voll im Trend, sagt die App Bildschirmzeit auf meinen Geräten. Höchste Zeit, mal öfter eine Pause einzulegen. Nicht nur zur Fastenzeit.